Kritisier mich nicht, ich habe Rechte!

Eigentlich hätte ich dieses Thema auch in den Kommentaren zu meinem letzten Beitrag vergammeln lassen können. Aber irgendwie war es mir dann doch wichtig, ein paar Worte dazu zu sagen – abgesehen davon muss ich die wirklich lang anhaltende Flaute in diesem Blog doch irgendwie kompensieren.
Vorweg eine kleine Entschuldigung an Marco (und an meine Mutter): Das hier ist nicht gegen dich gerichtet, du hast mich nur dazu inspiriert ;)

Im Speziellen geht es hier – mal wieder, wie auch an so vielen anderen Orten – um Sarrazins Meinungsfreiheit. Der werte Herr wird hier hoffentlich kein Dauergast.
Jetzt hat der Provokateur und Hetzer aus Leidenschaft also sein Buch geschrieben, auf das ich inhaltlich eigentlich nicht noch weiter eingehen will. Schön für ihn, könnte man sagen, und die Sache einfach vergessen.
Blöd nur, dass wir (im besten Falle) in einer Diskussionskultur leben. Ich kann hier also schreiben, dass ich Sarrazins Buch für den größten Quell der Weisheit seit dem Evangelium des fliegenden Spagettimonsters halte. Oder ich tue das genaue Gegenteil und erzähle euch allen, dass mir bei einer eventuellen Lektüre ein Eimer mit ausreichendem Fassungsvermögen Gesellschaft leisten müsste. Boah, schon die erste Lektion in Sachen Meinungsfreiheit – ich darf über Sarrazins bedruckte Seiten, die manche Buch nennen, schreiben, was ich will, so lange ich keine erwiesenen Lügen erzähle. Toll, nicht wahr?

Diese Äußerungen rufen jedoch plötzlich einige Leute auf den Plan, die mir etwas gar Erstaunliches erzählen: Auch der Sarrazin hat ein Recht auf freie Meinungsäußerung. Das Erstaunliche ist dabei jedoch nicht, dass auch Leute wie der gute Thilo dieses Recht haben – so gerne ich ihn manchmal auch knebeln würde -, sondern dass aus einer Debatte über ein Buch, die eigentlich dessen Inhalt behandeln sollte, plötzlich einen Streit über die Meinungsfreiheit gemacht wird.

Und das ist doch der eigentliche Knackpunkt dieses Themas. Darf ich meinen Abscheu über die Thesen eines mir persönlich sehr unsympatischen Menschen nicht kundtun, ohne dass mir vorgeworfen wird, ich behindere seine Meinungsfreiheit? Mit dem Argument könnte ich ja jeden meiner Kritiker mundtot machen: Kritisier mich bloß nicht, ich darf sagen, was ich will. Deswegen wird ein Thema ja auch so gerne Tabu-Thema genannt – damit die Leute, die genau so denken, rufen können: “Das wird der doch mal sagen dürfen!” und allen Kritikern an den Kopf geworfen werden kann, sie wollen den vermeitlichen Helden nur mundtot machen.
Natürlich darf Sarrazin im Rahmen des geltenden Rechts alles sagen, was er will, wie er will und wann er will. Dieses Prinzip bleibt auch dann unangetastet, wenn er mit einem Partyhut auf dem Kopf in der Fußgängerzone Münchens tanzt und dabei ruft, Aliens würden ihn bald abholen kommen. Darf ich ihn etwa nicht kritisieren, weil ich in dadurch in seinen Rechten beschränke? Natürlich darf ich das. Ich kneble ihn – trotz gewisser Sympathien für diesen Gedanken – nicht und ich gehe nicht in den nächsten Buchladen, um dort einen Stapel seiner Bücher anzuzünden. Und das gilt für 95 % derer, die über seine Äußerungen diskutieren, ebenso, sowohl für die Befürworter als auch die Gegner. Jeder darf einmal ins Glas spucken. Wo ist hier das Meinungsfreiheitsproblem? Keine Ahnung, wer es findet, bekommt 200 Sympathiepunkte auf sein Karmakonto gutgeschrieben.

Jetzt hat die “Causa Sarrazin” jedoch noch einen anderen Aspekt: Wegen seines Buches (und einer ellenlangen Vorgeschichte, die manche wohl gerne unter den Tisch fallen lassen würden) wurde der werte Herr mehr oder weniger seines Amtes enthoben (auch wenn inzwischen eine für beide Seiten elegantere Lösung gefunden wurde) und ein Parteiausschlussverfahren wurde seitens SPD angestrengt. Und schon wieder kommen sie von allen Seiten mit der Meinungsfreiheitskeule und dreschen auf alles ein, was nicht rechtzeitig weglaufen kann. Der arme Sarrazin hat doch seine Meinungsfreiheit, da dürfen sie ihn doch nicht deswegen rausschmeissen! Und jetzt kommt die zweite Lektion in Sachen Meinungsfreiheit: Ätschbätsch, dürfen sie unter Umständen schon. Der Amtsträger Sarrazin ist nämlich rechtlich anders gestellt als der Privatmann Sarrazin. Und wenn er seinem Amt durch eigenes Fehlverhalten erheblichen Schaden zufügt, darf er dessen enthoben werden. Und auch die SPD kann ihn rausschmeissen, wenn seine Ansichten dem Grundverständnis und dem Ziel seiner Partei zuwiderlaufen. Klar kann man darüber diskutieren, ob das im Falle Sarrazin tatsächlich der Fall war – oh, da ist es wieder, das böse D-Wort: diskutieren. Und ich gehe jetzt einfach mal ganz dreist davon aus, dass das auch innerhalb des Bundesbank-Vorstandes geschah und während des Parteiausschlussverfahrens noch geschehen wird. Wahnsinn, schon wieder wird niemand geknebelt und kein Buch verbrannt. Überrascht euch das angesichts der Hitzigkeit der Diskussion genau so wie mich?

Und hier sind wir schon am Ende dieses kleinen Exkurses über die Meinungsfreiheit angelangt. Und was ist die Moral der ganzen Geschicht? Niemand verbietet Thilo aufs Klo zu gehen, aber es eben doch Mist, die hinten rauskommt. Und als Amtsträger zeigt man der Öffentlichkeit nur hübsche Haufen.

About these ads

9 Antworten to “Kritisier mich nicht, ich habe Rechte!”

  1. Guinan Says:

    Und ich darf ganz ungestraft der Meinung sein, dass mir dies besser gefällt als so manches Geschreibsel zu dem Thema in den Medien.
    Schön, mal wieder von dir zu lesen.

  2. Marco Schuster Says:

    Dass er sein Amt (unzweifelhaft) beschädigt hat, hängt aber auch nur mit der enormen Publicity zu tun, die er bekommen hat. Und ich sehe hier die Schuld primär in der “Berichterstattung” (Werbung) der BILD und des Spiegel, die seinen Sermon nachgedruckt haben. Und das ist es.

    Personen wie er brauchen die Öffentlichkeit oder sie sind verloren.

    • nothingelse89 Says:

      Tja, damit hätte er rechnen müssen. Genau wie jeder, der gehört hat, dass Sarrazin ein Buch herausbringt. Ganz ehrlich: Bist du wirklich überrascht, dass ein Mann, der schon zahlreiche krude Thesen in die Öffentlichkeit gebracht und deswegen ohnehin im Interesse der Medien steht, enorme Publicity bekommt, wenn er ein Buch mit seinem Mist veröffentlicht? Ich bin es nicht.

  3. aga80 Says:

    Wir leben zwar in einer Diskussionskultur, leider werden aber viele Diskussionen auch gerne mal abgewürgt, weil sie einfach unbequem sind.
    Mit Sarazin möchte ich ganz bestimmt nicht diskutieren, aber letztendlich schneidet er Themen an, die eine Gesellschaftlich sachliche Debatte verdient hätten.
    Letztendlich haben wir ein Integrationsproblem/Unterschichtsproblem, das Jahrzehntelang ignoriert wurde und nicht nur von “DEHNEN” oder “DIESEN” verursacht wird.

    Es ist schön , das du wieder blogst .

  4. LePenseur Says:

    Da Sarrazin m.E. in weiten Teilen seines Buches völlig recht hat (bloß einige seiner aus der sozialistischen Weltverbesserungsküche stammenden Rezepte, wie dem allem abzuhelfen sei, können mich nicht begeistern — und zwar ganz und gar nicht!), erlaube ich mir, hier darauf hinzuweisen, daß die Diskussion seines Buches ja keineswegs ein Problem gewesen wäre.

    Nur: eines solche fand nicht statt. bis heute nicht. Statt dessen wurde er — für ein Buch, das er geschrieben hat — aus seinem Job rausgeschmissen (die “Freiwilligkeit” seines Rücktrittes ist etwa in der Kategorie der Freiwilligkeit, mit der kommunistische Funktionäre in den 50er-und 60er-Jahren “Selbstkritik” übten, anzusiedeln). Jemanden wegen einer Meinungsäußerung, die nicht strafrechtlich verboten ist, aus seinem Job zu schmeißen, ist nicht Diskussion, sondern die Fortführung der DDR-Praxis, Systemfeinde mundtot zu machen. DDR light, sozusagen, wobei “light” nicht einmal so “light” ist, wenn man’s näher besieht.

    Und wenn er seinem Amt durch eigenes Fehlverhalten erheblichen Schaden zufügt, darf er dessen enthoben werden.

    Sehen’S, und da fängt das Problem erst an: welches “Fehlverhalten”, bitteschön? Hat er silberne Löffel gestohlen? Angela Merkel a.k.a. “IM Erika” als machtgeil-opportunistische Blödmöse bezeichnet (lassen wir die Frage, ob das zwar nicht von der Ausdrucksweise, aber inhaltlich so unberechtigt wäre, einmal außen vor)? Die Bundesbank ohne Angebe von Beweisen als Mafia-Organisation bezeichnet? Nö. Er hat darauf hingewiesen, daß durch den Import und die stärkere Vermehrung Minderbegabter das Intelligenzniveau der Gesamtbevölkerung sinkt, und dies fatale Folgen haben wird. Insbesondere, wenn das durch falsch gesetzte finanzielle Anreize noch verstärkt wird.

    Das ist kein “Fehlverhalten” Sarrazins — es sei denn, man bezeichnet das Aussprechen einer (zugegeben: verdrängten, weil unbequemen) evidenten Wahrheit als Fehlverhalten.

    Wenn dies kein Problem der Meinungsfreiheit für Sie ist, empfehle ich Ihnen das Studium der Zeitgeschichte, insbes. zum Thema “Meiungsfreiheit in der DDR”. Vielleicht hilft’s was …

    • nothingelse89 Says:

      Hmm, haben Sie meinen Beitrag gelesen? Ich habe sogar ausdrücklich geschrieben, dass es durchaus Ansichtssache ist, ob hier ein Fehlverhalten vorliegt.
      Ob Sarrazin die Wahrheit gesagt hat, sei mal dahingestellt. Aber wer ein öffentliches Amt dahingehend ausnutzt, Stimmung gegen eine Bevölkerungsgruppe zu machen (und das nicht zum ersten Mal), wird der Verantwortung dieses Amtes nicht gerecht.
      Es ist mir schon klar, dass Sie das anders sehen. Aber Sie halten Sarrazins Thesen auch für Perlen der Weisheit. Daher scheint Ihnen gar nicht aufzufallen, dass man bei der Betrachtung seines Verhaltens auch zu einem anderen Schluss kommen kann.

      • LePenseur Says:

        Ob Sarrazin die Wahrheit gesagt hat, sei mal dahingestellt.

        Das ist aber m.E. die einzig entscheidende Frage. Wahrheiten können unbequem sein — dennoch ist es geradezu schäbig seitens der Politik- und Meinungsmacher, die Frage der inhaltlichen Richtigkeit zu ignorieren und statt dessen das Wohlfühlkriterium (“ist nicht hilfreich” u.dergl.) hochzuspielen.

        Aber wer ein öffentliches Amt dahingehend ausnutzt, Stimmung gegen eine Bevölkerungsgruppe zu machen (und das nicht zum ersten Mal), wird der Verantwortung dieses Amtes nicht gerecht.

        Das hängt wohl von der gemachten Stimmung ab. Wenn eine offenkundige Fehlentwicklung angesprochen wird, würde es im Gegenteil der Verantwortung eines Amtes nicht gerecht, es zu unterlassen.

        Aber Sie halten Sarrazins Thesen auch für Perlen der Weisheit

        Keineswegs — oder vielmehr nur im Verhältnis zu dem, was man seinen Thesen entgegenhielt.

        Daher scheint Ihnen gar nicht aufzufallen, dass man bei der Betrachtung seines Verhaltens auch zu einem anderen Schluss kommen kann.

        Es war in den letzten Wochen wohl nicht möglich, daß einem das nicht auffiel, würde ich sagen. Doch ist das nicht die Frage, sondern vielmehr, ob mich diese “anderen Schlüsse” überzeugen konnten (bzw. für mich auch nur irgendwie nachvollziehbar plausibel waren). Und das war eben nicht der Fall.

      • nothingelse89 Says:

        Wenn die Frage nach dem Wahrheitsgehalt für Sie die einzig entscheidende Frage ist, hätten Sie sich den Rest Ihres Kommentars auch sparen können – weil Sie jeden genannten Punkt von dieser Frage abhängig machen. Nur fürchte ich, dass wir bei diesem Punkt nicht auf einen Nenner kommen.

        Nur Ihre Äußerung mit dem “Wohlfühlkriterium” möchte ich so nicht unkommentiert stehen lassen: Ich finde es in der Tat nicht hilfreich, mediengeil und auf Teufel-komm-raus zu provozieren, wo es nur geht, und sich dann über eine unsachliche Diskussion zu beschweren. Ich bin auch der Meinung, dass wir eine Integrationsdebatte brauchen, aber das wie Sarrazin durch übelste Polemik und Herabsetzung einer gesamten Bevölkerungsgruppe anregen zu wollen ist der falsche Weg. So kann man keine sachliche Debatte führen.

      • LePenseur Says:

        Also irgendwie habe ich das Gefühl, ich habe ein anderes Buch gelesen als das, das Sie aufgrund der Rezensionen und Stellungnahmen vorliegen wähnen (denn gelesen haben Sie’s ja nicht).

        Ich kann mir nun vorstellen, daß jemand, der nicht (wie ich) konservativ-libertären Gedanken nahesteht, die Thesen des Buches z.T. bestreitet, dies und das anders gewichtet sehen möchte, einzelne Fragen (mit durchaus nachvollziehbaren Argumenten) anders gestellt und beantwortet sehen möchte … alles keine Frage!

        Aber ich kann Sie nur einladen, das Buch dennoch zu lesen (wenn Sie einem Ihnen unsympatischen Autor kein Honorar zukommen lassen wollen, können sie es sich sicher auch bei jemandem ausleihen — es wurde ja in hinreichender Zahl aufgelegt). Denn auch wenn ich mich in eine deutlich “linkere” Gedankenwelt versetze (das kann ich durchaus, denn ich bin durchaus konservativ, aber nicht petrefakt!), so finde ich in dem Buch nichts (oder wenigstens: beinahe nichts — irgendeinen Satz kann man vermutlich im kuscheligsten Buch noch in die falsche Kehle bekommen!), was das Verdikt “übelste Polemik und Herabsetzung einer gesamten Bevölkerungsgruppe” verdiente.

        Und was mich bei der Sarrazin-Debatte auch etwas echauffierte war ja nicht, daß man da mit Sachkenntnis Sachfragen hinterfragte, sondern vielmehr mit Nazikeule und PC-Knüppel drauflosschlug ohne Rücksicht auf Verluste. Und wie ich oben schrieb: ich bin mit Sarrazins Rezepten zur Lösung der angesprochenen Probleme auch keineswegs d’accord — aber das ändert nichts daran, daß er
        1. lang verdrängte Probleme endlich (!) offen anspricht;
        2. plausible Erklärungsmodelle vorlegt, warum das so gekommen ist, und
        3. auch eine Reihe vernünftiger Vorschläge zur Behebung der Probleme macht.

        Daß das Buch nicht in allem ein großer Wurf ist, habe ich weder bestritten, noch überrascht oder bekümmert mich das (sonst müßte es wohl von mir selbst verfaßt sein ;-) ) — aber immerhin ist es ein Anfang auf einem Lösungsweg, den wir besser früher als später beschreiten sollten. Demographische, gesamtwirtschaftliche und -gesellschaftliche Probleme werden (so wie eitrige Zähne) durch Zuwarten höchst selten “von alleine” wieder gut, sondern im Gegenteil nur lebensgefährlich und sehr, sehr schmerzhaft in der Sanierung …


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

%d Bloggern gefällt das: