Ich, die Piraten und der ganze Rest

Es wird Zeit, dass ich mich auch hier oute: Ich bin letzte Woche der Piratenpartei beigetreten.

Dieser Schritt war für mich nicht ganz leicht. Noch vor ein paar Wochen hätte ich gesagt: Ich in einer Partei? Niemals! Verändern kann ich doch ohnehin nichts, auch wenn ich mich engagiere – das erledigen die Spitzenpolitiker, die Parteifunktionäre. Um in eine Position zu kommen, in der ich etwas erreichen könnte, müsste ich meinen Parteikollegen in den Arsch kriechen und meine Ideale verraten.
Am besten fange ich mal dort an, wo alles begann – bei den Anfängen meiner „politischen Karriere“:

Mit etwa 15 bin ich zum Münchner Jugendrat gekommen, wo ich relativ lang „politisch“ aktiv war. Ich war sehr idealistisch und auch sehr naiv. Ich dachte tatsächlich, wir könnten die Welt verändern – knapp zehn Leute, die meist mehr mit sich selbst und miteinander beschäftigt waren als tatsächlich mit Politik. Ich dachte, wir müssten einfach nur den Mund aufmachen und die Menschen würden unseren Idealen scharenweise hinterherlaufen. Schließlich waren wir die Guten, die Jugend Deutschlands, der man einfach nur nicht zuhörte. Wir fühlten uns unheimlich klug.
Stattdessen waren wir eigentlich nur selbstverliebt. Und anstatt mit Politik beschäftigten wir uns hauptsächlich mit internen Streitereien und Machtkämpfen – und vor allem mit uns selbst.
Erreicht haben wir natürlich nichts. Ich weiß noch, wie ich einmal eine Projektgruppe gegen das Büchergeld gegründet habe – während ich E-Mails an Politiker geschrieben habe, haben die meisten meiner Mitstreiter auf dem Sofa ein Gruppenkuscheln veranstaltet. Die PG bestand nicht lange, ich habe relativ schnell aufgegeben.

Lange Zeit habe ich auch mit der SPD geliebäugelt. Viele meiner Freunde waren in der SPD, wahrscheinlich war es nur logisch, dass ich mich auch von ihr angezogen fühlte. Außerdem war sie schließlich gerade an der Macht und mir ging es (im Großen und Ganzen) gut. Also musste die SPD doch auch gut sein! Und der Schröder war doch so sympatisch!
Eingetreten bin ich – trotz ernsthafter Überlegungen – aber nicht. Vielleicht war es mein Instinkt. Vielleicht war ich aber auch einfach nur faul, um tatsächlich einen Mitgliedsantrag auszufüllen. Ich habe gerne groß geredet, wahrscheinlich hatte ich einfach Angst, als Mitglied einer Partei tatsächlich in die Pflicht genommen zu werden.

Irgendwann habe ich dem Jugendrat dann desillusioniert den Rücken zugewandt. Es wurde am Ende nur noch geredet und nichts mehr getan. Von den alten Mitgliedern ist heute auch fast niemand mehr übrig.

Ich bin seitdem auch nie wieder in Versuchung gekommen, einer Partei beizutreten. Es gab auch nie eine Partei, in die ich hineingepasst hätte – bei jeder Partei gab es einfach wesentliche Punkte, mit denen ich nicht einverstanden war. Die CSU war niemals ein Thema für mich, da ich mich nun wirklich nicht zu den Konservativen rechne. Das SPD-Programm war nicht wirklich schlecht, aber ich wusste genau, dass die Realität immer mehr von den Idealen abwich. Die FDP war mir zu sehr „fressen oder gefressen werden“, die Grünen zu grün. Und überall herrscht Fraktionsdisziplin – die parteiliche Überstimmung des eigenen Gewissens und das Grauen jedes freiheitlich denkenden Menschen. Und politische Karriere machen im Grunde nur diejenigen, die ihr Gewissen, ihr Rückgrat und ihren gesunden Menschenverstand an der Garderobe abgeben. Nein, das wollte ich auf gar keinen Fall.
Wirklich politisch betätigt habe ich mich nicht. Über Politik diskutiert habe ich immer noch – innerhalb meiner Familie, mit Freunden, in Internetforen. Und immer öfter überkam mich der Drang, meine Meinung in die Welt hinauszuschreien. Ich hatte keine Lust mehr, nur im Privaten meine Sicht der Dinge kund zu tun. Ich wollte sie mit anderen Menschen teilen, Gleichgesinnte finden und darüber diskutieren.

So kam es vor knapp zwei Monaten zur Gründung dieses Blogs. Fast zeitgleich fing die große Diskussion um die Netzsperren an – und da waren sie auf einmal, die Piraten. Je mehr ich mich mit der Piratenpartei beschäftigte, desto erstaunter war ich, wie sehr ich mich mit ihr identifizieren kann. Und das erste Mal seit meiner Jugendrats-Euphorie bin ich wieder der Meinung, dass ich wirklich etwas bewegen kann. Dass das bisschen Diskutieren, Bloggen und Twittern nicht alles ist. Dass es eben doch einen Unterschied macht, wenn man zumindest versucht, etwas in der Politik zu bewegen. Und so habe ich letzten Freitag – nach langem Nachdenken, ob ich mich wirklich „politisch binden“ möchte und ob ich nicht wieder einer Illusion nachrenne – meinen Mitgliedsantrag ausgefüllt.

Natürlich ist es einfacher, sich mit einer Partei zu identifizieren, die bisher nur wenige Themen in ihr Wahlprogramm aufgenommen hat. Vielleicht wird das alles ganz anders, wenn die Piraten ihr Programm erweitern. Aber: Ich kann es mitbestimmen. Ich kann mitentscheiden, inwieweit das Programm erweitert und wie es inhaltlich aussehen wird – die Struktur ist vollkommen offen. Und das Grundgesetz wird immer der Maßstab sein.

Wie viel die Piraten in der realen Politik erreichen werden, wird abzuwarten sein. Ein munteres Proseccoschlürfen wird das garantiert nicht, sondern harte Arbeit. Und auch die Piratenpartei selbst ist (natürlich) nicht perfekt, da muss noch einiges ausdiskutiert und erarbeitet werden. Aber ich habe vielleicht meine Illusionen verloren – ein Teil meines Idealismus ist jedoch immer noch da ;)

In dem Sinne: Klarmachen zum Ändern, ich sitze jetzt auch mit im Boot!

Veröffentlicht in Politisches und Volksverdummung. Schlagwörter: . 3 Comments »

3 Antworten to “Ich, die Piraten und der ganze Rest”

  1. juliaL49 Says:

    Hui, du bist ja ganz schön politisch aktiv :) Bei mir hat sich das immer nur in pseudo-aktivem Gehampel geäußert (Hingehen zu Wahlkampfreden, informieren, andere zum Wählen überreden), aber nie zum aktiven Teilnehmen.
    Dann hoffe ich mal, dass du das Parteiprogramm konstruktiv in den anderen Bereichen erweitern kannst!

    • nothingelse89 Says:

      Naja, einen Großteil meines bisherigen Lebens war ich nicht sonderlich aktiv. Ich war zwar sehr politisiert, aber wirklich eingesetzt habe ich mich nicht – auf Demos gehen ist zwar wichtig, zählt aber nicht wirklich. Der Aktionismus leidet eben schweren Schaden, wenn die Mitstreiter zwar immer groß reden, aber nichts tun und man am Ende alleine da steht. Und genau das ist bei den Piraten anders – deshalb sehe ich dort auch eine wirkliche Chance, etwas zu bewegen :)

  2. Der Klarseher Says:

    Die Piratenpartei ist eine gute Wahl, es ist eine der wenigen Parteien, die keine Büttel oder Schergen der Eliten sind. Auch ich würde die Piratenpartei wählen, wenn ich behördlich registriert wäre. Nicht umsonst ist der Pirat ein heilges Symbol des Pastafarianismus.


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