Die Ritter der Gerechtigkeit, oder: Das Fanboy-Phänomen

Jetzt hat sie also tatsächlich den ESC gewonnen, unsere Lena, Hoffnung des deutschen Pops, Liebling aller Deutschen, Krone der Schöpfung, … naja, ihr könnt euch denken, wie es weitergeht.

Eigentlich ein guter Zeitpunkt, um über ein Thema nachzudenken, dass mich schon immer fasziniert hat – ich nenne es das Fanboy-Phänomen.
Lena ist dafür ein gutes Beispiel. Ich persönlich finde sie ganz nett, mehr nicht. Ihre teilweise doch recht aufgesetzt wirkende „Liebes kleines Mädchen“-Art geht mir ziemlich auf die Nerven, aber man kann nicht abstreiten, dass sie damit großen Erfolg hat.  Und sie hat immerhin den ESC nach fast 20 Jahren [edit: es sind natürlich fast 30 Jahre, ich hab mich vertan] wieder mal nach Deutschland geholt.

Jetzt gibt es aber böse böse Menschen, die die strahlende Lena nicht ganz so toll finden und das auch sagen. Und da fallen die Ritter der Gerechtigkeit, auch Fanboys genannt, sofort über den Kritiker her. Ein typischer Kommentar sieht dabei so aus:

„Du böser böser Mensch. Du gönnst unserer Lena den Erfolg nicht. Du bist doch bloß neidisch, selbst hast du in deinem Leben noch gar nichts erreicht. Lena ist voll toll und wenn du etwas anderes behauptest, hast du keine Ahnung. Ich komm mit meiner Fanboy-Armee und verarbeite deine Wohnung zu Kleinholz.“

Das eigentlich Faszinierende daran ist jedoch, dass ich dieses Verhalten bisher nur von Teenie-Boygroup-Fans kenne. Bei Lena scheint dieses Verhalten auch auf erwachsene, zumindest halbwegs gebildete Menschen überzugreifen. Man müsste meinen, dass der eigene Geschmack gegen Kritik zumindest so unempfindlich ist, dass man der Meinung der Kritiker zumindest sachlich entgegen treten kann, aber nein – wenn es jemand wagt, das Goldkind zu kritisieren (und geht es auch nur um ihre allgegenwärtige Medienpräsenz), benimmt sich Otto Normalbürger auf einmal, als hätte Al Qaida einen Bombenanschlag auf seine eigene Tochter verübt.

Ein ähnliches Verhalten lässt sich übrigens bei Apple-Fanboys beobachten: Alles, was Steve Jobs neu auf den Markt wirft, ist grundsätzlich die Neuerfindung des Rads und sowieso das Coolste unter der Sonne.  Dass mein sauteurer iPod schon nach zwei Jahren nicht mehr richtig funktioniert hat und ich garantiert nie wieder so einen Apple-Scheißdreck kaufen werde, sage ich besser nicht laut – nicht dass morgen die Apple-Mafia vor meiner Tür steht.

Danke, ESC, ich habe mich köstlich amüsiert!

Ich habe mir wirklich überlegt, ob ich den ESC einfach übergehen sollte. Letztendlich kann ich mir aber doch nicht verkneifen, meinen Senf dazuzugeben.
Zunächst einmal: Es war musikalisch zwar wirklich grauenhaft, hatte dafür aber hohen Unterhaltungswert.

Russland hat sich ja wirklich Mühe gegeben. Während draußen homosexuelle Demonstranten niedergeknüppelt wurden, wurde drinnen der halbe Cirque du Soleil angekarrt und der letztjährige Gewinner abgeseilt. Danach übernahmen die Moderatoren das Ruder – für den Rest des Abends durften wir einen gezwungen fröhlichen jungen Mann und eine Schaufensterpuppe mit leerem Blick bewundern, die geistreiche Kommentare zu den einzelnen Auftritten abgaben.
Aber auch der deutsche Kommentator war nicht ohne, da durfte man sich Perlen der Weisheit wie „Das wäre jetzt sicher sehr lustig gewesen, wenn man russisch könnte“ anhören.

Besonders schön waren mal wieder die Bühnenshows: Da gab es beispielsweise einen Heile-Welt-Hintergrund wie aus einem Kinderbuch für Portugal, tanzende Wasserleichen für Kroatien oder die Vampirshow für Moldawien. Anderswo flog mal eben ein Delphin im All umher – weswegen auch immer – und die Ukraine versuchte mit ein paar bizarren Gladiatoren zu punkten. Auch der grüne Glitzerspiderman für Albanien war wirklich amüsant und für Finnland pseudorappt ein Opi vor brennenden Mülltonnen.

Auch an Schleimbeuteln hatte der ESC mal wieder einiges zu bieten. Neben Deutschlands Oscar war vor allem der griechische Interpret das eine oder andere Igitt wert – das Hemd aufgeknöpft bis zum Nabel und viel zu kurz, die Hose ausgestopft  und das alles in einem strahlenden Weiß.

Wenn euch einige der Songs höchst bekannt vorkamen, ist das kein Wunder. Dänemark hat seinen eigenen Ronan-Keating-Verschnitt ins Rennen geschickt, beim finnischen Auftritt kam man sich plötzlich vor wie bei einem DJ-Bobo-Konzert, und auch die türkischen und spanischen Songs erinnern uns an irgendetwas… ach ja, an die letzten ESC-Jahre. Auch die Melodie des Beitrags aus Bosnien-Herzegowina kommt mir wahnsinnig bekannt vor… ich bin für jeden Tipp dankbar, der mir da weiterhilft :)

Letztendlich hat dann Norwegen gewonnen: Ein unschuldiger Geigenspieler hat mit seinem braven Liedchen ein Rekordergebnis eingefahren. Und ich frage mich immer noch warum. Ich will nicht sagen, dass der Sieg unverdient ist – so groß war die Konkurrenz nun wirklich nicht. Aber so dolle war der Song nun auch wieder nicht, dass beinahe die doppelte Punktzahl des Zweitplatzierten gerechtfertigt wäre. Nun, das bleibt wohl eines der großen Geheimnisse der Menschheit…

Bei Popkulturjunkie gabs übrigens einen netten Liveblog mit allen Scheußlichkeiten zum Nachlesen  :)

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Musikvergewaltigungen und ihre Jurys

Ich glaube, ich muss mich hier jetzt mal outen: Ja, ich bin ein Fan des Grand Pix, inzwischen unbenannt in den Eurovision Song Contest. Ja, ich weiß, dass die Musik zu 40% Prozent aus grauenhaftem Popgedudel und zu weiteren 40 % aus grauenhaften Balladengejaule besteht. Und 10 – 20 % (je nach Jahr) sind einfach nur grauenhaft. Manchmal schäme ich mich regelrecht dafür, dass ich mich brav jedes Jahr mit meinem Vater vor den Fernseher setze und – same procedure as every year – mich über die Punkteschieberei zwischen den östlichen Ländern und unsere grauenhafte Interpretenauswahl aufrege.

Aber dieses Jahr soll alles anders werden.

Zunächst einmal: Unser Vertreter ist auch dieses Jahr wieder absolut grauenhaft. Ein schmieriger Schleimlappen singt ein leidenschaftsloses Lied mit einem Text, den ein Schüler mit nicht mal einem Jahr Englischunterricht zusammenstöpseln könnte und einem Titel, dass einem das Hirn zu den Ohren rausfliegt – furchtbar. Insoweit bleibt alles beim Alten.
Doch anstatt der Punkteschieberei zwischen Nachbarländern bekommen wir diesmal eine Jury, die die Hälfte der Punkte vergeben soll. Eine richtige Fachjury – angeblich, denn mit dem Begriff Fachjury wird heutzutage geradezu inflationär umgegangen. Wir können wohl froh sein, dass uns diesmal der unsägliche Bohlen erspart bleibt. Aber wer sitzt denn nun in der Fachjury für Deutschland? Da hätten wir…

… H.P. Baxxter – hat mir erst gar nichts gesagt, bis ich den Kerl auf dem Foto erkannt habe. Was zum Teufel hat der Frontmann von Scooter in einer Musikfachjury zu suchen?? Was hat Scooter überhaupt mit Musik zu tun? Was zum Teufel sollte einen Mann, der so geistreiche und melodische Texte wie „Hyper Hyper“ und „I feel hardcore“ ins Mikro brüllt, für die Bewertung von Musik qualifizieren?

… Jeanette Biedermann – ist schon ein bisschen qualifizierter, zumindest mit grauenhaftem Popgedudel kennt sie sich aus. Aber eigentlich finde ich es geradezu beleidigend, dass dieses Popprinzesschen für Deutschland entscheiden soll, was gute Musik ist. Jeanie, bleib lieber beim Slowly Dancing.

… Guildo Horn – moment: Guildo Horn?? Oh nein, bitte nicht… Guildo und gute Musik ist in etwa wie Körpergeruch und Deo. Das eine hebt das andere auf.

… Sylvia Kollek – who the fuck is Sylvia Kollek? Scheint eine Musikmanagerin zu sein und – irks – war auch schon Jurymitglied bei DSDS.

… Tobias Künzel – naja, wäre nicht meine erste Wahl, aber Die Prinzen sind ganz in Ordnung. Abgesehen davon ist er der einzige studierte Musiker in der Jury.

Ich weiß nicht, anhand dieser wirklich hervorragenden Fachjury drängt sich mir doch die Frage auf, ob es wirklich so schwer ist, qualifizierte Musikkenner zu finden. Anders kann ich mir nicht erklären, warum der Frontmann von Scooter und Guildo Horn in der Jury sitzen.
Nun, ob das das Punkteproblem löst, werden wir sehen. Seltsam, dass mich die neue Regelung so stört – wahrscheinlich gehörte das Meckern einfach dazu. Und ich sehe es schon kommen: Das neue Feindbild werden Jurys sein, die Länderpunkte an so grauenhafte Musikvergewaltigungen wie „Miss Kiss Kiss Bang“ vergeben. Ich freue mich schon drauf… ;)

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