Wer nicht arbeitet, muss auch nicht leben

Haben sie auch die Schnauze voll von diesen Parasiten, die Ihnen das Blut aussaugen und auf Ihre Kosten dick und fett werden? Wird Ihnen auch übel, wenn sie diese widerlichen Kreaturen zufällig zu Gesicht bekommen und haben Sie deshalb schon extra die FDP gewählt? Nein, die Rede ist nicht von Ihren Filzläusen, gegen die kann die FDP nämlich nichts tun (wohl aber die zahlreichen Pharmakonzerne, die sie zusammen mit der FDP gewählt haben), sondern von den Langzeitarbeitslosen, die bisher Deutschlands Straßen und seine Beschäftigungsstatistik verschandelt haben.

Doch wir tun etwas dagegen – mit unserem Programm „Arbeitslose: Leibeigene für unsere Gesellschaft in Ihrem Interesse“, auch ALG II oder im Volksmund Hartz IV genannt!

Zunächst zur grundlegenden Frage, deren Antwort schon jeder kennt: Was macht so ein Arbeitsloser eigentlich den ganzen Tag? Ist doch klar, er liegt auf seinem Sofa, schaut Unterschichtenfernsehen und lacht sich ins Fäustchen, dass er von der arbeitenden Bevölkerung ausgehalten wird. Dann macht er sich noch eine Pulle Champagner auf und verspeist genüßlich seinen vom Steuerzahler finanzierten Kaviar.

Wir glauben: Wer nicht arbeitet, muss auch nicht leben. Eigentlich ist auch das Überleben unnötig, aber leider schreibt uns unsere Verfassung da etwas anderes vor. Dennoch haben wir alle nötigen Maßnahmen ergriffen, um das Leben dieser erwerbslosen Parasiten, die unseren Sozialstaat bis aufs Blut aussaugen, so ungemütlich wie möglich zu machen.

Ja, das ist alles schön und gut, denken Sie sich jetzt, doch was habe ich davon? Nun, Sie profitieren schon als ganz normaler Bürger von unseren Maßnahmen!

  • Ihre Steuern fließen nicht länger in den Unterhalt von Arbeitslosen, sondern in gesellschaftlich bedeutende Dinge wie Banken, verbilligte Hotelaufenthalte und Rettungen von bankrotten Unternehmen.
  • Wir haben es geschafft, Arbeitslose so weit wie möglich aus dem Gesellschaftsleben hinauszudrängen, indem wir ihnen jediglich einen symbolischen Alibibetrag zugestehen, mit dem sie sämtliche dahingehenden Kosten decken müssen. Somit müssen Sie nie wieder im Theater oder im Kino einem dieser verlotterten Gesellen begegnen. Bis auf die nächtlichen Flaschensammler, die von Müllcontainer zu Müllcontainer ziehen, halten sich diese Subjekte aus monetären Gründen großtenteils daheim auf. Endlich saubere Straßen für Sie!
  • Mit Ihrer tatkräftigen Unterstützung werden Arbeitslose auch bald Ihre Straße oder den Park um die Ecke sauber halten. Ein Arbeitsloser im Dienst der Allgemeinheit – kann es etwas Sinnvolleres geben?
  • Ein Arbeitsloser wird aus Angst davor, die Kasse könnte eine kostspielige Behandlung nicht übernehmen, nur selten zum Arzt gehen. Geringere Krankenkassenkosten und leerere Wartezimmer erwarten Sie.
  • Nichts könnte Ihnen ein besseres Gefühl geben als das Wissen, dass Sie als Erwerbstätiger einfach ein weitaus wertvolleres Individuum sind als jener soziale Abschaum.

Wenn Sie zufällig Unternehmer sind, sind die Vorteile, die sie aus dem „ALG II“-Programm ziehen, sogar noch weitaus höher.

  • Wir drängen die Arbeitslosen selbst bei weit höherer Qualifikation in unterbezahlte Niedriglohnsektoren und 1-Euro-Jobs. Sie sind Unternehmer? Dann profitieren Sie von billigen Arbeitskräften. Informieren Sie sich noch heute und beschäftigen Sie nie wieder schmarotzerische Arbeitskräfte zum regulären Lohn!
  • Dank unseres Programms fühlen sich Arbeitslose wie der letzte Dreck. Sollte ein solches Subjekt wieder in den geregelten Arbeitsmarkt zurückfinden, haben wir es bis dahin zu einem willfährigen, gefügigen und dankbaren Arbeiter erzogen. Er wird mit Sicherheit niemals etwas tun, was seinen Arbeitsplatz auch nur im Geringsten gefährden könnte – wie etwa eine Gehaltserhöhung oder gute Behandlung zu fordern. Das selbe gilt im Übrigen auch für Ihre regulären Arbeitskräfte. Nichts treibt Arbeitnehmer mehr an als die Angst vor der Arbeitslosigkeit!
  • Vergessen Sie nicht: Das nächste Unternehmen, das dank unseres Programms gerettet werden kann, könnte Ihres sein!

Doch das ist noch längst nicht alles. Wollten Sie schon immer ein willfährigen Sklaven? Freuen Sie sich auf Hartz V! Endlich können Sie für einen symbolischen Betrag eine Patenschaft über einen Arbeitslosen übernehmen, der für ein Pfund Reis am Tag und ihre abgelegten Klamotten die unangenehmen Dinge des Lebens für Sie übernimmt.

Natürlich wurden in der Vergangenheit auch kritische Stimmen laut, die Sie bezüglich unseres Programms vielleicht verunsichert haben. So sagen einige unserer ehemaligen Mitarbeiter etwa, wir ermöglichten den Arbeitslosen kein menschenwürdiges Leben. Doch mal abgesehen davon, dass sie dieses revolutionäre Projekt mit auf die Beine gestellt haben, können wir nur sagen: Wollen Sie das wirklich bezahlen? Natürlich nicht, wir auch nicht. Machen Sie sich keine Sorgen, denn wir werden zu allen nur möglichen Tricks greifen, um diese Vorteile für Sie zu sichern – denn nur ein unterworfener Arbeitsloser ist ein guter Arbeitsloser!

Dies war ein Werbebeitrag Ihres Ministeriums für Propagandazeugs, Volksverarmung und Gewissenlosigkeit. Entscheiden auch Sie sich für Ihren Vorteil und erinnern Sie sich bei der nächsten Wahl daran, dass wir unermüdlich daran arbeiten, dass sich Leistung wieder lohnt – naja, zumindest Leistung, von der wir meinen, dass sie sich lohnen sollte.

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Witzlos

Habe dieses Video gerade bei Piratenweib gefunden und wollte es euch nicht vorenthalten – wenn nicht einmal mehr Kabarettisten keine Späße mehr zu Westerwelle einfallen, sagt das eigentlich alles:

Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich hatte gerade das dringende Bedürfnis, alleine in meiner leeren Wohnung aufzustehen und zu applaudieren.

Superwelli und die Dekadenz

Es ist schon ein interessantes Phänomen, dass hohe Tiere in Parteien eigentlich durch die Bank ausgemachte Unsympathen sind. Natürlich variiert das von Partei zu Partei – während die Grünen nicht ganz so viele Widerlinge in ihren Reihen zu haben scheinen, sorgt fast die gesamte CDU-Führungsriege bei mir für Brechreiz. Das liegt nicht an ihren Äußerungen – auch wenn sich dort sehr viel geistiger Müll sammelt, müssen die betreffenden Personen eigentlich nur vor eine Kamera treten, um mir eine Gänsehaut über den Rücken zu jagen. Ein gutes Beispiel sind etwa Pofalla und der unsägliche Koch – noch bevor sie den Mund aufmachen, noch bevor ich überhaupt wusste, welcher Partei sie angehören, setzte in mir schon der Ekel ein.
Der Fairness halber würde ich hier auch gerne ein paar SPD-Politiker anführen, bei denen es mir genau so geht, aber fällt gerade kein einziger ein. Aber das liegt wahrscheinlich am derzeitigen Zustand der SPD – was man derzeit überhaupt zu hören bekommt, vergisst man entweder sofort wieder oder verdrängt es lieber.

Unter diesen Vorzeichen fand ich Westerwelle bisher gar nicht sooo schlimm – ein Schaumschläger, ein Dummschwätzer, ein Klientelpolitiker und dazu ziemlich unfähig, natürlich… aber wenigstens war er mir nicht von Anfang an unsympatisch. Abgesehen davon erzwang das „Igitt, ein Schwuler“-Geschwurbel meiner Großmutter zumindest ein bisschen Sympathie für Welli.

Welli war also unfähig und peinlich (man denke nur an „Es ist Deutschland hier“), aber bisher nicht per se ein Widerling. Bis Anfang dieser Woche endlich das Urteil des Bundesverfassungsgericht zu Hartz IV erging, das zumindest teilweise begrüßenswert war (dazu empfehle ich Froschs Blog, die auch selbst von diesem Irrsinn betroffen ist).
Jetzt dürfte auch noch der größte Idiot begriffen haben: Nein, Arbeitslose machen sich nicht auf Kosten der Steuerzahler einen faulen Lenz. Sie kämpfen von dem wenigen Geld, das ihnen vom Staat als Brosamen hingeworfen wird, ums Überleben. Ein menschenwürdiges Existenzminimum ist nicht gewährleistet. Basta.

Welli leuchtet das aber nicht so ganz ein. Immerhin können diese Menschen doch arbeiten! Wieso tun sie das dann nicht und liegen stattdessen den Steuerzahlern auf der Tasche? Man kann dem Volk doch nicht anstrengungslosen Wohlstand versprechen, sonst erliegen sie der Dekadenz! Denk doch mal einer an die Leistungsträger!

Westerwelle heult also im Prinzip deshalb rum, weil man jemandem, der keine neue Stelle findet, trotzdem ein menschenwürdiges Leben ermöglichen muss. Ja, das ist wirklich furchtbar, nicht wahr? Hart arbeitende Menschen müssen anderen helfen, denen es nicht möglich ist. Wo bleibt da die Fairness? Die Arbeitslosen tragen doch nichts bei, sondern liegen bloß dekadent in der Gegend rum und holen sich ihre Goldstücke ab, von denen sie sich dann Luxusgegenstände wie Nahrung und Kleidung kaufen. Wie kann man auch nur darüber nachdenken, denen noch mehr Geld zu geben, anstatt das Geld Hoteliers in den Rachen zu werfen den Leistungsträgern zukommen zu lassen?

Um auf meine Ausgangsbeobachtung zurückzukommen – Westerwelle ist für mich ein ganzes Stück widerlicher geworden als noch zu seinem Amtsantritt. Doch wir dürfen Superwelli doch nicht zu böse sein – immerhin hat er sein ganzes Leben nur damit verbracht, für heiße Luft Geld zu bekommen, hat nie wirklich etwas geleistet und lebt trotzdem in Dekadenz und Wohlstand. Da ist es doch nicht verwunderlich, dass er denkt, dass es allen anderen genau so geht.

Robin Hood mal anders

Nicht, dass ich die FDP vorher für besonders wählbar gehalten habe, aber das überschreitet bei mir nun doch die Kopf-über-Kloschüssel-Grenze erheblich: Martin Lindner, der FDP-Spitzenkandidat in Berlin, hat endlich mit der Sprache herausgerückt, womit er die versprochenen Steuersenkungen gegenfinanzieren will – durch Senkung des Hartz-IV-Satzes um bis zu 30 %, was einem verbleibenden Satzes von 250 € entspräche.

250 Euro?? Zweihundertfünfzig Euro?? WTF? Ich bin eine relativ genügsame Studentin, die darüber hinaus alle zwei Wochen ein nettes Fresspaket von ihrem Vater mitbekommt. Trotzdem sind 250 € das, was ich im Monat mindestens für Lebensmittel und Getränke ausgebe.

Der liebe Herr Lindner hält sich wohl für einen etwas pervertierten Robin Hood – er nimmt es den Armen und gibt es den Reichen. Aber das ist schon okay so, Arbeitslose hängen ja bloß den ganzen Tag faul vor der Glotze rum, lassen ihre Wampe über den Bund ihrer erschnorrten Jeans hängen und kichern über den blöden Arbeiter, der ihnen ihr Auskommen sichert. Solchen „Menschen“ ein halbwegs lebenswertes Leben zu sichern, ist einfach nicht gerecht – diese Erkenntnis trifft nun auch mich wie ein Hammerschlag. Aber für solche Erleuchtungen haben wir ja die FDP.

Ich plädiere jedoch für ein anderes Modell: Nachdem der gute Martin ab September wohl leider im Bundestag sitzen wird, kürzen wir seine Diäten auf 250 Euro pro Monat. Und nachdem wir ja nicht ungerecht sein wollen, kann er sich die Kosten für seine Abgeordnetentätigkeit natürlich erstatten lassen – nach einem Vorabhausbesuch eines netten Kollegen von der Arbeitsagentur, der genau überprüft, ob diese Ausgaben auch wirklich notwendig sind. Und die Mitfahrzentrale freut sich sicher über einen neuen Kunden. Nach ein paar Monaten befragen wir ihn dann noch einmal, ob er ein Leben in Armut wirklich für so gerecht hält.

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