Missionierende Atheisten?

Nachdem Dunkelangst die durchaus berechtigte Frage nach dem Sinn der Buskampagne gestellt hat, habe ich mich entschieden, der ganzen Thematik einen eigenen Eintrag zu widmen.

Die meisten Leser dürften bereits gemerkt haben, dass ich Atheistin bin. Die Bibel ist für mich nichts weiter als ein von Menschenhand geschriebenes Buch, in dem neben einigen fortschrittlichen ethischen Grundsätzen auch viele unmenschliche, grauenhafte Geschichten und „göttliche“Anweisungen stehen. Ob Jesus wirklich gelebt hat, kann ich nicht beurteilen – aber auch die seltsamen Straßenprediger, denen man immer wieder über den Weg läuft, existieren, und ich habe nicht den geringsten Zweifel daran, dass sie nicht von Gott gesandt wurden. Ich glaube weder an Feen noch an Geister oder Engel.
Das Konzept eines persönlichen Gottes schließe ich kategorisch aus. Wieso sollte ein Wesen, dass „groß“ genug ist, um Milliarden von Galaxien mit jeweils Milliarden von Planeten zu erschaffen, sich auch nur im Geringsten darum kümmern, ob ich an es glaube und mit wem ich ins Bett gehe?
Auch einen unpersönlichen Gott halte ich für sehr unwahrscheinlich. Natürlich, vielleicht wurde das Universum von einem höheren Wesen erschaffen – vielleicht gibt es aber auch unsichtbare rosafarbene Einhörner. Beides wurde bisher wissenschaftlich weder belegt noch widerlegt und ich denke nicht, dass das jemals der Fall sein wird.

Religion ist eben eine Sache des Glaubens. Und ich glaube nicht. Ich schließe nicht aus, dass irgendwann ein richtiger Gottesbeweis auftaucht – aber auch dann werde ich nicht glauben, sondern wissen.

In meinem Leben spielt eine eventuelle Existenz eines Gottes grundsätzlich einfach keine Rolle. Und wäre Religion und Weltanschauung wirklich Privatsache, könnte ich gut den Rest meines Lebens damit verbringen, ohne das Thema „Gott“ auch nur einmal anzusprechen. Ich habe kein Bedürfnis, gläubige Menschen anzusprechen und sie auf ihre weltanschaulichen „Fehler“ hinzuweisen. Es ist mir schlicht und einfach egal, ob ein Mensch an Gott, Allah oder das fliegende Spagettimonster glaubt.

Klingt alles ganz toll, nicht wahr? Es gibt jedoch nur ein Problem: Religion ist keine Privatsache.

Als Atheistin muss ich mich rechtfertigen. Ich muss mir von Gläubigen und kirchlichen Würdeträgern vorwerfen lassen, ich könne ohne Gott kein guter Mensch sein. Menschen, die mich nicht kennen und die ich nicht kenne, verurteilen mich nur aufgrund meines fehlenden Gottesglauben als unmoralisch.

Selbst wenn ich keine Kirchensteuer zahle, gehen doch Steuergelder von mir an die Kirche, egal was und ob ich glaube.
Vor allem in Bayern, aber auch in anderen Bundesländern, gibt es sogenannte Konkordatslehrstühle, bei denen die katholische Kirche ein Einspruchrecht hat – hierbei handelt es sich um vor allem um pädagogische Fakultäten, die Kirche hat zum Teil also auch Einfluss darauf, wer unsere Kinder unterrichten wird.
Es gibt christliche Parteien und evangelikale Christen, die einen Gottesstaat fordern. Die gute Frau von der Leyen war Schirmherrin des Christivals und fordert Eltern auf, ihre Kinder religiös zu erziehen. Große und einflussreiche Tageszeitungen wie die Bild haben sich christliche Kampagnen auf die Fahne geschrieben – siehe etwa den Einsatz der Bild für Pro Reli in Berlin.

Vor meiner Tür stehen immer wieder die Zeugen Jehovas und andere bibeltreue Christen, die meine Seele retten wollen. Wenn ich in die U-Bahn steige, lachen mich oft Plakate an, die mir verkünden, dass ich nur durch Jesus Erlösung fände. Und auch wenn ich mich persönlich nicht an dem Glockengeläute der Kirchen störe, so stellt es doch ein weiteres Beispiel für die Omnipräsenz der Kirche dar.

Wenn ein Gläubiger sagt, dass Gott existiert, ist das die normalste Sache der Welt. Niemand würde sich darüber aufregen. In Köln gibt es sogar Buswerbung für Gott. Wenn auf einem Bus aber „Es gibt mit (an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott“ steht, schreit gleich ganz Deutschland empört auf. Wieso ist es eine Beleidigung, wenn ich sage, dass es keinen Gott gibt? Wieso gilt ein solcher Spruch als Provokation?

Ganz einfach: Weil der Theismus als Normalzustand angesehen wird. Egal, an welchen Gott man glaubt, hauptsache, man glaubt überhaupt. Wenn unser aller Lieblingsbischof Mixa den Islam oder die evangelische Kirche öffentlich als fehlgeleitet und unmoralisch bezeichnet hätte, wäre ein Aufschrei durch ganz Deutschland gegangen und wütende Massen hätten ihn zum nächsten Tor hinausgetrieben.Aber es ging ja nur um die Atheisten, da wurde zwar ein bisschen gemurrt und ein bisschen getadelt, aber das wars auch schon.

Deshalb muss ich als Atheistin auch über meine Weltanschauung und über Gott sprechen. Und genau das ist auch die Aufgabe der Buskampagne: Sie soll zur Diskussion anregen. Sie soll das Tabu brechen, über die Existenz Gottes überhaupt zu diskutieren. Sie soll die Menschen zum Nachdenken bringen – was, wenn man sich die Reaktionen der Verkehrunternehmen angesichts der ursprünglich geplanten Buswerbung ansieht, auch dringend notwendig ist. Sie soll anderen Atheisten zeigen, dass sie mit ihrer Weltanschauung nicht alleine sind.

Die Buskampagne kann niemanden missionieren, da Glaube eben Glaubenssache ist. Jeder Gläubige wird einem sagen, dass man Gott erfahren muss und dass er seine Existenz einfach fühlt. Niemand wird zum Atheisten, nur weil ein auffälliger Bus an ihm vorbeifährt. Aber die Leute werden hoffentlich darüber reden und nachdenken. Und ich hoffe, dass wir so vielleicht irgendwann an einen Punkt kommen, an dem auch der „Unglaube“ gleichberechtigt neben dem Glauben steht und die Allmacht der Kirche gebrochen ist. Denn erst dann kann Religion wirklich Privatsache sein. Und dann werde ich auch aufhören können, mir über dieses Thema Gedanken zu machen – und Dunkelangst damit auf die Nerven zu gehen ;)

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